11.08.2025 – Tag 83

Die sorge mit den Ohropax von letztem Abend hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Ich war ziemlich schnell trotz ein paar Spielender Kinder eingeschlafen und bin nur einmal in der Nacht wach geworden, weil mir komischerweise meine Nase vom atmen weh tat. Es schien nachts wirklich ganz schön kalt geworden zu sein. Dann bin ich aber auch schnell wieder eingeschlafen. Das nächste Mal wurde ich dann von der Sonne geweckt. Es war gegen 8:00. Die Vorhersage sagte das heute um die 30°C kommen sollen. Das merkte ich auch schon beim Abbauen. Die erste Ladung Sonnencreme hab ich mir da schon drauf gemacht. Als ich abreisebereit war, war es erst kurz nach 10. Inclusive Kaffee und Frühstück. Dann fuhr ich noch Mal zu den Toiletten und füllte mein Wasser auf. Als ich losfahren wollte, merkte ich, das ich nicht Mal meine Arschhose an hatte. Ich muss sie bei der Zeltstelle vergessen haben. Also zurück und da ging sie. Und mein trikot. Und mein Handtuch. Naja, schnell Kram anziehen und los. Als ich dann entgültig losfuhr war ich schon ein bisschen verschwitzt. Weil es so warm war. Zum Glück war auch immer ein bisschen Wind dabei. Das Navi schickte mich direkt auf die Landstraße. Fahrradwege oder Feldwege gab in meine Richtung nicht. Zwischen durch wurde die Landstraße zweispurig, denn irgendwann wieder einspurig. Die ganze Zeit ging es Berg auf und Berg ab, aber nicht zu Doll. Irgendwann kam ich durch eine größere Stadt. Laon war das. Hier wollte ich mir ein bisschen was zu Essen holen. Ich sah schon aus der Entfernung eine große Burganlage. Echt riesig. Ich ließ sie aber links liegen und fuhr zu einem Supermarkt, der sich aber als kleiner Orientladen rausstellte. Ich hab mir nur ne Limo und ein paar Würstchen gekauft. In der Stadt waren die Häuser teilweise mit riesigen Graffiti verziert. Richtig schön. Nachdem ich in der etwas ghettoartig wirkenden Gegend mein 2. Frühstück gegessen hatte, ging es wieder auf die Landstraße. Es waren inzwischen die 30 Grad erreicht und es war ganz schön dolle Sonne, weil den ganzen Tag nicht eine Wolke am Himmel war und die Strecke wenig Bäume an der Straße hatte. Zum Glück ging es aber gut voran und ich zog den Rest bis zum Campingplatz mit nur ein paar Trinkpausen durch.
Am Campingplatz angekommen, war ich schon bei der Fahrt durchs Tor begeistert. Es war ein wunderschöner Bauernhof. Ich sah das die Anmeldung an 15:00 geht und es war zehn vor. Mir kam aber direkt ein junger Typ entgegen und ich sagte ihm das ich einen Platz für eine Nacht brauche. Er fragte mich wie es mir geht, weil ich vielleicht etwas abgekämpft aussah. Ich sagte ihm das es ganz schön sonnig ist und er meinte das er Schatten für mich hat. Nachdem ich etwas über 10€ bezahlt hatte, zeigte er mir den platz. Dort saßen gerade Leute und hatten ihre liegen ausgebreitet. Die müssten leider packen und umziehen. Es tat mir ein bisschen leid, weil es wirklich ein Premium Platz war. Unter einem großen Baum, dessen Äste fast bis zum Boden hingen. Wahrscheinlich der einzige Ort im Garten, wo den ganzen Tag Schatten ist. Jetzt merkte ich erst wie fertig ich eigentlich war. Ich baute erstmal meinen Stuhl auf, setzte mich hin und trank locker 1,5l Wasser. Dann wollte ich mein Zelt aufbauen und merkte, das die Polsterhose und so, nicht das einzige waren, was ich auf dem anderen Zeltplatz hatte liegen gelassen. Da mussten noch 6 ordentlich aufgereihte Zeltheringe im Gras liegen. Zum Glück hatte ich noch ein paar gesammelten Werke. Heringe die ich hier und da Mal gefunden hatte. Zufällig genau die richtige Anzahl. Naja, zwei hätten notfalls auch gereicht, außerdem habe ich noch ein paar in der Tasche mit tarp-Zubehör. Als ich das Innenzelt aufgebaut hatte setzte ich mich erstmal wieder hin. In dem Moment sah ich auch das gerade noch ein bikepacker auf den Hof gerollt war und einen Platz schräg gegenüber gezeigt bekam. Ich hob die Hand zur Begrüßung und er rief mir gleich zu wo ich herkomme. Ich meinte „Germany“. Darauf kam nur mit Berliner Schnauze „Geil und wo von da?“ Ich: „Hamburch“, er: „Geil. Ich komm aus Berlin.“ Er meinte er baut kurz auf und kommt dann Mal rüber. Nachdem er sein Fahrrad abgestellt hatte, kam er aber doch direkt rüber und wir haben erstmal gequatscht. Woher, wohin und und. Das er nicht nur ein Wochenende unterwegs ist, sah ich schon an seinem Fahrrad. Er ist auf dem Weg nach Lissabon, aber in Frankreich gerade unterwegs in die andere Richtung. Wohl als nächstes nach Saint Quentin. Sein Name ist Andreas. Er ist 64 und im ersten Moment war ich etwas vorsichtig, weil er mich von der Mimik und Gestik her an Eddi aus’m Wendland erinnerte ein kaputter Typ mit hart Narzisstischen Zügen und in meinen Augen ein riesen Arschloch. Ich dachte aber, er kann nicht ganz falsch sein, wenn er das tut was er tut und das ich ihm zumindest eine Chance geben werde. Ich glaube es gibt keinen bikepacker, der längere Zeit in der Welt unterwegs ist, für seinen Traum lebt und trotzdem ein Arschloch ist. Jedenfalls habe ich noch nie einen kennengelernt. Es stellte sich im Laufe des Abends raus, dass es genau die richtige Entscheidung war. Er war zwar sehr gerade raus und etwas rau, aber es war wieder ein extrem interessanter und toller Mensch. Nur halt mit Ecken und Kanten. Er erzählte mir wie er die Welt sieht und wie er Frankreich sieht. Das er hier auf dem Campingplatz gelandet ist, war ehr Zufall, weil es ihm zu heiß war zum weiterfahren. Ich glaube ja eigentlich nicht an Esoterik und das das Universum einem im richtigen Moment die richtigen Leute schicken kann, aber in dem Moment war es genau der richtige Mensch den ich brauchte. Er macht schon Fahrradreisen seit er 16 ist und sah das Leben mit so einer lockerheit und nahm alles nicht so ernst. Er fragte direkt den, der hier zuständig war, ob er ein paar Tomaten pflücken darf und machte sich das Leben selber schön indem er einfach klar raus und offen fragte was er wollte. Er erzählte mir das er eigentlich oft wildcampen würde und hier in Frankreich nie schlechte Erfahrungen gemacht hat. Ich glaube er könnte mich dazu inspiriert haben, auch Mal zu versuchen noch lockerer und offener zu sein. Das ist ja eh eine große Baustelle von mir. Naja. Er sprach auch nicht viel französisch. Nur das was er so mit der Zeit aufgeschnappt hatte. Wahrscheinlich nicht viel mehr als ich, aber er geht offen auf die Leute zu und spricht mit ihnen. Er meint wenn man ein paar Brocken französisch und ein paar Brocken Englisch kann, kommt man doch überall gut hin. Auch spanisch kann er nicht wirklich und trotzdem hatte er wunderschöne Abende auch unter Spaniern. Er meint, dass es darauf gar nicht ankommt. Ich finde es so toll, sich mit solchen Menschen zu unterhalten und über alles mögliche zu reden. Im Kern ist das was wir denken ja das gleiche, da braucht man gar nicht viel drüber sprechen, obwohl das auch immer wieder schön ist. Es ist toll immer wieder zu sehen, nicht allein zu sein mit den Träumen und der Weltanschauung. Ich will versuchen in Zukunft noch freier damit umzugehen. Menschen sind überall Menschen und gute Menschen gibt es überall. Das ist unabhängig von der Sprache, oder irgendwelchen Grenzen auf der Karte. Das habe ich in Holland erlebt, das habe ich in Belgien erlebt und sogar in Deutschland, was in meinen Augen von den Menschen her schon manchmal etwas kalt ist. Und man kann solche Menschen sicher überall auf der Welt finden, wenn man mit offenen Augen unterwegs ist und sich traut sie anzusprechen, oder sie an sich ranlässt, damit sie einen ansprechen können. Ganz besonders schön bei dem Gespräch mit Andreas fand ich zu sehen, wie fest er weiß was er will und mit wie viel liebe er alles macht. Genau das Gegenteil von Eddi. Er erzählte mir über seine Familie und wie dankbar er ist, das ihn alle so nehmen wie er ist und wie er mit seiner Frau seit über 35 Jahren glücklich ist und das sie ihn bei seinem Traum so sehr unterstützt und Verständnis hat und wie wichtig und selten Freunde sind auf die man sich immer verlassen kann, egal in welcher scheiße man steckt. Ich bin dabei ganz ruhig geworden und habe über mein Leben und meine Situation nachgedacht es ist bei mir ja genau so. Ich kann mich genau so glücklich schätzen, weil ich genau solche Menschen um mich habe, es wirkte fast ein bisschen so, als wenn er vom meinen Menschen erzählt. Es ist zum Beispiel nicht selbstverständlich, das Jacky sowas mitmacht und mich noch darin bestärkt und mir immer wieder ein gutes Gefühl gibt. Und mir sogar Kraft gibt wenn ich Mal wieder zweifele oder mich schwach und klein fühle. Das ich mit ihr genau so gut lachen wie weinen kann und es egal ist ob man zusammen schweigt oder redet. Ich bin auch unendlich dankbar dafür, daß ich die tollste beste Freundin auf der Welt habe zu der ich auch ohne Zweifel mit jeder Sorge kommen kann und die immer ein offenes Ohr hat, wenn ich Mal wieder unsicher bin oder einen Realitätsabgleich oder Rat brauche. Und mir fallen auf einen Schlag noch mehr Menschen und auch meine Familie ein mit denen ich durch schwere Zeiten gegangen bin und viel erlebt habe. Ich kann verdammt glücklich und dankbar für all das sein und trotzdem sehre ich dieses Glück manchmal nicht, oder male Schwarz, oder sehe nur das negative. Genau diese Begegnungen wie heute machen mich unendlich glücklich und es gibt kein Geld auf der Welt, was diese Momenten auf der Reise aufwiegen könnte.
Nachdem wir noch eine ganze Weile geredet haben, bin ich dann rüber zu meinem Zelt. Ich musste jetzt erstmal mit Kopflampe meinen ganzen Kram zurecht sortieren. Ich hatte ja noch nicht Mal Schlafsäcke und Isomatte vom Bike abgemacht. Leider lag ich dann wieder bis 3 wach, weil mein Kopf wieder keine Ruhe gegeben hat.

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